Das Luftschiff der vierten Kompagnie

Humoreske von Ralph v. Rawitz.
in: „Auer Tageblatt und Anzeiger für das Erzgebirge” vom 05.09.1908


Im blauen Salon des Herrn Oberst Kräklin saß die Gattin des gestrengen Regimentskommandeurs, während er selbst hinter ihrem Sessel lehnte. Vor ihnen stand im Waffenrock mit Epauletten der jüngst« Hauptmann des Infanterieregiments, Herr von Zülendorff, und brachte, halb chevalaresk, halb militärisch, seine Werbung um Fräulein Asta, das einzige Töchterlein des Hauses, mit geziemenden Worten vor. Der Erfolg dieser Werbung war, daß Frau Mama huldvoll lächelte und Herr Papa grimmig den schwarzen dicken Schnurrbart strich. Dann ergriff die Oberstin das Wort. Sie habe schon lange bemerkt, daß die beiden jungen Leute sich gerne hätten und sei gerne willens, die Zukunft ihres Kindes an das Geschick des Bewerbers zu knüpfen. Allein der Vater habe auch ein Wort dabei zu sprechen und bei ihm, als dem Herren des Hauses, liege die «endgültige Entscheidung. Pah — hm, setzte nun Oberst Kräklin selbst ein, so ist es, mein lieber Zülendorff, und als Vater nehme ich Sie mit Freuden auf. Aber ich bin nur halb Vater, zur anderen Hälfte jedoch unseres höchsten Kriegsherrn gehorsamster und dienstwilligster Soldat. Als solcher muß ich sagen: Ich akzeptiere als Schwiegersohn nur einen ganz tüchtigen Offizier. Hauptmann von Zülendorff klaippte die Sporen zusammen und faßte vorschriftsmäßig den Säbel unter dem Ring an. Haben der Herr Oberst an meiner Kompagnie etwas zu tadeln? — Das nicht, Zülendorff, ich bin recht zufrieden. Aber ich verlange mehr. Ich will «ine militärische Kapazität, ein Lumen, verstanden? Zülendorff sah seinen Vorgesetzten fragend an; der Oberst fuhr fort:Ja, etwas ganz Besonderes, lieber Hauptmann! Was und wie kann ich Ihnen selbst nicht sagen, aber es muß etwas sein, was bei unseren Vorgesetzten Aufmerksamkeit erregt, was vor allem dem Regiment Ehre «inträgtl Na ja! Pah — hem! Ich habe ja zu Ihnen Vertrauen! Sie werden etwas leisten! Sie sind ja auch Brigadeadjunkt gewesen. Kurz: Ich gebe Ihnen meine Asta, aber ich gestatte die Veröffentlichung der Verlobung erst, wenn Sie einen großen Coup gemacht haben. Punktum!

Damit schritt er zur Tür, rief sein blondes Töchterlein, küßte ihr die Stirn und entzog sich dem Sturm der Gefühle durch schleunige Flucht auf das Regiments-Geschäftszimmer. Hier er-wartete ihn schon Leutnant Böhlau, der Adjutant, mit einem ganzen Stoß von Schriftstücken; da waren Brigadebefehle, Bestimmungen des Generalkommandos über die Herbstübungen, Meldungen usw. Vor allem aber interessierte den Oberst ein Befehl seines nächsten Vorgesetzten, des Generalmajors Graf Schnnff-Schnuffelwitz, der folgenden Inhalt hatte:

Angesichts der epochemachenden Erfolge des Grafen Zeppelin ist die Annahme zutreffend, daß wir in künftigen Kriegen mit Luftschiffen zu rechnen haben, die, dicht über unseren Stellungen oder Marschkolonnen hinstreichend, unsere Absichten und die Erwägungen der strategischen Leitung zu erforschen und zu durchkreuzen bemüht sein werden. — Dieses vorausgesetzt wird es Aufgabe jeder Truppe sein, dem feindlichen Luftkreuzer möglichst Abbruch zu tun. Es ist mithin Aufgabe der Truppenbefehlshaber, fortan das Feuergefecht auch nach o b e n h i n, in die Lüfte, zu lenken. In diesem Sinne ist fortan zu verfahren; ich werde demnächst Gelegenheit nehmen, die mir unterstellten Regimenter kompagnieweise daraufhin zu besichtigen.

Als Oberst Kräklin diesen Befehl gelesen, setzte er sich mit seinem Adjutanten hin und stellte einen Entwurf für das neue Luftfeuergefecht her. Die Frau Oberst wartete vergebens mit dem Mittagessen, mit dem Nachmittagkaffee, mit dem Abendbrot, ihr Ehegespons erschien nicht. Durch einen Zufall erfuhr sie, daß der Oberst und der Adjutant sich aus der Goldenen Traube, dem einzigen Hotel der kleinen Garnisonsstadt, nachmittags um ½6 hatten Butterbrote kommen lassen; im übrigen aber arbeiteten sie ohne Unterbrechung: Kräklin diktierend, Leutnant Böhlau schreibend, bis er halb ohnmächtig war. Erst um ¾10 Uhr abends war der Entwurf fertig, dann aber auch in höchster Vollendung. An alles und jedes war gedacht, an Tag- und Nachtschießen, an Wald-, Feld-, Wiesen-Gefecht, an Luftinfanterie, Luftartillerie, Lufttrain, an gepanzerte Luftkreuzer, Luftvorposten, Luftgros, Luftnachtrab, Luftbiwak, Luftortsbiwak, Luftabkochen und Luft-Lazarette. Alles in der T h e o r i e, die nächsten Tage sollten dagegen die P r a x i s bringen. An die Praxis dachte Kräklin erst, als er wieder zu Hause war und schon im Bett lag. Und da befiel ihn plötzlich ein gewaltiger Schrecken, so daß er fast den Nachttisch umriß: W i e  e i n  L u f t s c h i f f  h e r b e k o m m e n? Heilige Barbara, heiliger Georg, heiliger Marschirius, Schutzpatrone der drei Waffen — ein Luftschiff war schließlich nötig!

Zuerst beschloß er ein Telegramm an den Grafen Zeppelin zu richten, ob dieser ihm nicht ein Luftschiff für einige Tage leihen möchte. Aber bald sah er ein, daß in Deutschland noch weitere 200 Infanterie-Regimenter an den genialen Erfinder das gleiche Ansinnen stellen könnten; auch schreckte ihn der Gedanke, daß der etwaige Gasverbrauch aus der Regimentskasse bezahlt werden müsste. In schwersten Sorgen lag er die ganze Nacht, ohne des Rätsels Lösung zu finden, und mit düsterer Stirne trat er in den Kreis seiner Offiziere, die er für den nächsten Morgen bestellt hatte. Hier wurde Befehl und Entwurf verlesen und dann setzte der gestrenge Kommandeur mit imponierendem Tone hinzu: Was nun die Darstellung der feindlichen Luftschiffe anlangt, so bleibt dies den Kompagniechefs überlassen. Es wäre zwar ein leichtes für das Regiment gewesen, auch in dieser Hinsicht Fingerzeige zu geben, allein die Herren Hauptleute mögen einmal selbst den Kopf anstrengen. Im übrigen erfahre ich soeben, daß der General schon übermorgen eintrifft; er erwartet natürlich bei dieser Kürze der Zeit g a r n i c h t s. Pah — hm! Meine Herren! Wir werden ihm aber mit Fertigem kommen. Danke sehr! Guten Morgen!

Gab das ein Grübeln, Sinnen, Nachdenken und Kopfzerbrechen in der Garnison! Ach du lieber Himmel! Lange fiel den Kompagniechefs nichts ein; dann aber klärte sich ihr Verständnis und jeder fand einen Gegenstand, der als Luftschiff herhalten sollte. Hauptmann Schulze ließ seine Leute nach Wolken zielen und hoffte inbrünstig, daß es am Besichtigungstage Wolken geben werde. Hauptmann Müller entschied sich für einen Taubenschwarm, der jeden Tag munter über dem Exerzierplatz kreiste; durch zwei Unteroffiziere ließ er für 2 Mark 75 Pfennige Haferkörner an verschiedenen Stellen ausstreuen, um die lieben Tierchen ja herbeizulocken. Hauptmann v. Schmidt kaufte Papierdrachen und ließ zehn Mann damit üben; Wind! hieß sein Stoßgebet, und zwölfmal des Tages lief er zum Barometer, um nachzusehen, ob das Wetterglas auch hübsch auf Regen oder Wind fallen werde. Hauptmann Lehmann konstruierte ein Blechschild, das an Telegraphenstangen, die an einer Seite des Exerzierplatzes vorbeiführten, entlanggezogen werden sollte. Auch Zülendorff hatte sich etwas ausgesonnen, aber er brachte es nicht an die Oeffentlichkeit, sondern übte mit seiner Kompagnie ganz abseits hinter dem Walde, wo ihn niemand sah.

Der Besichtigungstag kam und Graf Schnuff zeigte sich hocherfreut, als er ein fertiges Luft-Reglement vorfand; er kargte nicht mit Lobsprüchen und war ganz besonders auf die praktische Ausführung erpicht. Aber ach! Die stand nicht auf der genialen Höhe der Theorie. Es war ein herrlicher, sonniger Sommertag. Keine Wolke stand am Himmel, kein Blättchen regte sich, kein Papierdrachen stieg auch nur drei Zoll. Bei dem großen Waffengetöse getraute sich kein Raubvogel auf den Exerzierplatz, geschweige denn gar ein zarter Taubenschwarm. Das Blechschild verfing sich an den Leitungsdrähten. Alles mißglückte. Die Hauptleute Müller, Schulz, von Schmidt, Lehmann ließen traurig die Köpfe hängen. Graf Schnuff lächelte ironisch. Oberst Kräklin kochte vor verhaltener Wut. Ja, ja, lieber Kräklin — es ist noch nix! Nanu noch der Hauptmann von Zülendorff mit seiner Kompagnie — na, los, Zülendorff!

Und siehe da, etwas Wunderbares zeigte sich jetzt: Langsam erhob sich hinter einem Busch eine längliche, zigarrenförmige Hülle aus Seidenpapier, in der zwei Dutzend der bekannten Kinderballons untergebracht waren; ein Unteroffizier hinter dem Gestrüpp hielt das Monstrum an dünnem unsichtbarem Faden und bewegte es nach rechts und links. Kompagnie, Achtung! Luftschiff, Halblinks, dreiviertel Höhe, Platzpatronen 1200! Schützenfeuer!" Racks, racks, racks, racks — begann das Schießen. Den Leuten machte die Sache riesigen Spaß: sie knallten wie die Besessenen, und zwei ganz Geriebene auf dem linken Flügel, die niemand sehen konnte und auch niemand sah, weil alle nur das Luftschiff anblickten, luden jedesmal ein wenig Hühnerschrot vor die Platzpatrone. So kam es, daß nach einiger Zeit der Ballon getroffen wurde und niedersank. „Famos, famos!” schrie Graf Schnuff, „jroßartig, der reine Zeppelin! Zülendorff, Sie sind ein Ingenium. Den Deifel auch, wie sind Sie auf die geniale Idee gekommen? Das Biest sieht echt aus, daß man sich fürchten könnte und immer denkt, sie werden gleich niederschießen!”

Graf Schnuff strahlte also, Oberst Kräklin strahlte, Zülendorff strahlte, das ganze Regiment strahlte! Unter rauschender Musik ging es vom Platz in die Stadt zurück, und die Musketiere sangen zur Melodie des alten Reserveliedes die vom Gefreiten Knutschke (der mit Schrott geschossen hatte) schnell gedichteten Verse:

Augen auf! Seht nur hin!
Da kommt schon der Zeppelin!
Knacks und Racks! Hat ihm schon!
Komm' nur 'runter, Luftballon!

Danach war Frühstück im Regimentskasino mit Damen. Asta Kräklin sah reizend aus in rosa Tüll und weißen Nelken. Als der erste Sektpfropfen knallte, erhob sich Graf Schnuff, drückte seine Freude über die gelungene Vorstellung aus und präsentierte dann dem erstaunten Offizierkorps zwei Brautleute: Zülcndorff und Asta. „Wir gratulieren herzlichst,” sagte er, „möchte Ihnen alles Gute und Liebe erblühen! Möchten Sie allezeit im siebenten Himmel schweben, so schön und herrlich wie das lenkbare Luftschiff der vierten Kompagnie! Hurra!”

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